1. Mai 2017

Erinnerung an Michael Gartenschläger

"Michael Gartenschläger? Den Namen habe ich noch nie gehört!", sagte ich, als mein Mann dieses Buch las:


Im Vorwort des Buches steht folgendes:


Das machte mich neugierig und ich begann zu lesen...

Michael Gartenschläger wurde 1944 in Strausberg nahe Berlin geboren und wuchs in der "Zone", wie er selbst sagte, auf. 1961 ist er Autoschlosserlehrling, liebt Rock'n Roll und hört heimlich Westmusik. Als in Berlin der Mauerbau beginnt, sind Michael und seine Freunde entsetzt und beschließen, etwas dagegen zu tun. Sie pinseln Losungen wie "SED - nee" und "Kommunisten und Nazis raus" an Hauswände und zünden eine leerstehende Scheune an. Das wird ihnen zum Verhängnis. Sie werden verhaftet und in einem aufwendigen Schauprozess als "Staatsverbrecher" abgestempelt. 



"Man hatte ja keine Ahnung, wie so ein Prozess abläuft,wir waren normale Strausberger Jungs und hatten noch nie im Gefängnis gesessen. Wir wussten überhaupt nicht, wer diese Männer waren, die uns verhört hatten - Staatssicherheit, das existierte ja damals noch nicht im Bewusstsein der Menschen." (Gerd Resag)
 Das Urteil für den damals 17jährigen Michael und seinen Freund Gerd Resag lautet:  LEBENSLÄNGLICH!
"Nach 3 Tagen war es vorbei. Der Staatsanwalt hatte ja für Gerd und mich die Todesstrafe beantragt. Da wir zur Tatzeit und Urteilsverkündung noch Jugendliche waren und die Todesstrafe dadurch nicht verhängt werden konnte, wurde sie in "Lebenslänglich" umgewandelt, LEBENSLÄNLICH! Das drang ja erst nach und nach in einen ein... in den Tagen nach der Urteilsverkündung, in den vielen Stunden, die man allein in seiner Zelle sitzt..." (M. Gartenschläger)
Michael Gartenschläger verbringt 10 Jahre seines Lebens in DDR-Gefängnissen, sämtliche Gnadengesuche werden abgelehnt. Gesundheitlich durch Isolationshaft und Mangelernährung angeschlagen, kauft ihn die Bundesrepublik 1971 frei.

In Hamburg baut er sich ein neues Leben auf, verliebt sich und betreibt eine Tankstelle.
Aber die DDR lässt ihn nicht los... Er kämpft weiter gegen das SED-Regime und beteiligt sich an Fluchthilfen. Persönlich verhilft er 6 Menschen zur Flucht aus der DDR.

1976
"Ja, und dann ging die Sache mit den Selbstschussanlagen los..." (Birgit Müller, Lebensgefährtin Gartenschlägers)
"Es war eine gerademal fünfzeilige Meldung, die Michael stark bewegte: In der Zeitung stand lapidar, an der innerdeutschen Grenze sei ein weiterer Mensch bei einem Fluchtversuch durch einen 'Selbstsschussautomaten' getötet worden. Diese wenigen Zeilen wirkten wie eine Initialzündung. 'Wir müssen etwas tun', sagte Michael leise, doch sehr bestimmt, 'dieseBrutalität endlich ans Licht bringen, wir müssen die öffentliche Aufmerksamkeit wecken!'" (Lothar Lienicke, Freund)
Die Existenz der Selbstschussanlagen wurde von der DDR-Führung bisher geleugnet. In Michael Gartenschläger reifte der Plan, so eine Anlage, genannt SM-70, abzubauen und sie der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Zusammen mit seinem Freund Lothar Lienicke gelingt es ihm am 1. April 1976 einen der Selbstschussautomaten an der innerdeutschen Grenze zwischen Bröthen/ Schleswig-Holstein und Leisterförde/ Mecklenburg-Vorpommern abzubauen.
Er verkauft die SM-70 und die Geschichte an den SPIEGEL
"Eine technische Analyse der abmontierten SM-70 nach der SPIEGEL-Veröffentlichung ergibt, dass ihr Trichter 118 scharfkantige Stahlwürfel herausschleudert, die noch in 25 Metern Entfernung alles Lebendige aufreißen, das sie treffen..."
Also keineswegs eine Attrappe!

Das Interesse der Öffentlichkeit ist groß und die Honorare wecken Begehrlichkeiten.
Am 23. April bauen Lienicke und Gartenschläger einen weiteren Todesautomaten ab.
Michael möchte ihn beim Intenationalen Sacharow-Hearing in Kopenhagen präsentieren, weil es dort um Menschenrechtsverletzungen in den Ostblock-Ländern geht.

Der Abbau der dritten Anlage geht schief, die Stasi ist vorbereitet und liegt am Großen Grenzknick zwischen Bröthen und Leisterförde auf der Lauer, als Gartenschläger und seine Freunde Lienicke Wolf-Dieter Uebe und  ihr Werkzeug und die Leiter holen wollen, die sie dort versteckt haben. Der Plan war, an einem 80 Kilometer entfernten Grenzabschnitt eine SM-70 abzubauen. 
Es ist stockdunkel, sie haben ein mulmiges Gefühl und treten den Rückzug an. Aber Michael möchte unbedingt wenigstens eine Mine zünden...
Als er sich wieder dem Grenzzaun zuwendet, fallen Schüsse. Lienicke und Uebe können fliehen.
Während andere Menschen in den Mai tanzen, stirbt Michael Gartenschläger am 30. April 1976 im Kugelhagel der Stasi. Er wurde 32 Jahre alt.

Besonders beeindruckt hat mich sein ungebrochener Mut, für die Freiheit der Menschen zu kämpfen - trotz des großen Leids, dass ihm und seiner Familie zugefügt worden ist.

Mein Mann und ich beschlossen, uns den Ort des Geschehens anzusehen:


Gedenkstein und -Kreuz als Wegweiser in den Wald zum sogenannten 'Gartenschläger Eck'


Gedenkkreuz am Todesort








Auch heute noch ein unheimlicher Ort





Quellen: Wikipedia , Zitate aus: Klier, Freya: Michael Gartenschläger, Kampf gegen Mauer und Stacheldraht, Berlin 2009, ISBN 978-3-00-027999-7

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